Marrakesch

_DSC1158Langsam geht unser Urlaub zu Ende. Morgen früh werden wir ab Casablanca zurück nach Frankfurt fliegen. Aber heute haben wir noch einen ganzen Tag in Marrakesch, und diesen Tag werden wir genießen. Mohammed hat uns gestern Vormittag zu gewohnter Zeit vom Hotel Essaouira abgeholt. Seinen freien Tag hat er genutzt um das Auto auf Hochglanz zu bringen. Es sieht aus wie neu._DSC0709 Wir besuchen noch eine Holzfabrik. Hier werden Tische, Schränke, Schatullen und vieles mehr hauptsächlich aus Thuja-Holz hergestellt. Es sind wunderschöne Sachen, aber zu unserer Einrichtung passt das nicht. Ich kaufe eine kleine Holzschachtel, in der ich den hier gekauften Schmuck aufbewahren werde. Das soll nun aber das letzte Andenken sein. Ansonsten wird der Koffer auf dem Rückflug zu schwer sein. Dann fahren wir weiter die Küste entlang bis die Straße ins Landesinnere Richtung Marrakesch abzweigt. Allmählich steigen die Temperaturen wieder an. In Agadir und Essaouira war es wirklich kühl. Nur zur Mittagszeit konnte ich die Jacke einmal ausziehen. Ansonsten war ich froh, dass ich überhaupt eine Fleece-Jacke eingepackt hatte. In letzter Minute hatte ich sie  in den Koffer gelegt, weil noch etwas Platz darin frei war. Welch ein Glück. Wir erreichten schon am frühen Nachmittag Marrakesch. Unsere Unterkunft für die letzten beiden Nächte, das Zalagh Kasbah Hotel liegt am Rande des alten Zentrums in einer sogenannten Hotelzone. Fast alle Hotels hier sind zwei- oder dreigeschossig mit großer Gartenanlage. Man kann eigentlich nicht meckern. Aber wir fühlen uns wie in einem Ghetto. Die Medina und ihre Souks sind fußläufig kaum erreichbar, viel zu weit weg. Ob das wohl beabsichtigt ist. Es gibt einen Shuttle-Verkehr dort hin. Aber wir haben ja Mohammed, der uns fahren kann. Zunächst mussten wir uns an der Rezeption anmelden. Wir hatten nur einen Kugelschreiber, und man war nicht in der Lage oder nicht willens uns einen weiteren Stift zu leihen. Das Hotel soll - wie alle anderen bisher auch - über WLAN verfügen. Ich versuchte, mich einzuloggen. Aber es funktionierte nicht. In der Annahme, dass ich irgendeinen Fehler gemacht hatte, fragte ich bei der Rezeption nach. Dort bekam ich nur eine unwirsche Antwort, es funktioniere halt nicht. Ich fragte weiter nach, wieso es kein Internet gebe. Das wisse man auch nicht, später würde ein Techniker danach sehen. _DSC0769Wir gingen also zunächst auf unser Zimmer. Es ist hell und geräumig und hat einen Balkon zum Swimmingpool hinaus. Ich öffnete die Balkontür und laute Bumm-Bumm-Musik schalte mir entgegen. Am Pool lagen einige Gäste, die den Anschein erweckten, dass sie hier wohl den ganzen Tag verbringen. Braun gebrannt und eingeölt lagen einige breitbeinig auf ihrer Liege, damit die Sonne auch alle Körperteil gleichmäßig erreichen konnte. Erstaunlich viele junge Leute sind hier einquartiert. Wie schade, dass wir die letzten beiden Tage wieder so ein Touristenhotel erwischt haben. Wie viel schöner wäre ein kleines Riad direkt in der Medina von Marrakesch. Wir verbrachten den Nachmittag faul im Zimmer und gingen früh zum Abendessen. Ich will gar nicht viel davon berichten. Das Essen war in Ordnung, aber die Bedienung war absolut unfreundlich. Wir hatten es nicht geschafft, für uns beide eine Flasche Rotwein zu bestellen. Natürlich haben wir uns gefragt, wieso man hier so unfreundlich bedient wird. Wir haben später erfahren und recherchiert, dass man inzwischen von Deutschland aus mit einem Billigflieger für wenig Geld vier Tage Vollpension in Marrakesch in unserem Hotel buchen kann. Diese Touristen wollen nicht Land und Leute kennen lernen, sie wollen nur bedient werden und benehmen sich dem entsprechend. Kann man es dem Personal übel nehmen, wenn es dann unfreundlich darauf reagiert? Wir hatten schon fast Mitleid. Dennoch schade, wir hatten uns die beiden letzten Tage schöner vorgestellt. Aber den heutigen Tag verbringen wir fast vollständig außerhalb der Hotelanlage. Mohammed holt uns morgens ab und fährt uns bis zum Rand der Medina. Es ist Freitag, so dass nicht ganz so viel Verkehr und Trubel in der Altstadt herrscht. Am Freitag haben viele Geschäfte zu, so wie bei uns sonntags. Wir werden von einem örtlichen Reiseführer in Empfang genommen. _DSC0788Er wird sich den ganzen Vormittag um uns kümmern und uns die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt zeigen. Ich will nur wenige hiervon aufzählen. Wir haben die Saaditen-Gräber und die dort befindlichen Mausoleen besucht. Er hat mit uns einen Rundgang durch den Palais de la Bahia gemacht. Inmitten eines schönen Gartens liegt ein großer Gebäudekomplex mit vielen prachtvollen Räumen und Sälen und einem wunderschönen Innenhof. Besonders beeindruckt hat mich aber die ehemalige Koranschule Medersa Ben Youssef. Durch ein schönes, großes Holztor betritt man zunächst einen langen Flur, durch den man schließlich zu einem weiten, hellen Innenhof gelangt. An beiden Längsseiten gibt es holzverzierte Galerien. Die Fassaden sind reich geschmückt mit bunten Mosaiken und zahlreichen Koranversen. Und natürlich schmückt den Innenhof ein großes Wasserbecken aus Marmor. _DSC0947Noch benommen von so viel Kultur bummeln wir nun durch die Souks. Wie in Fes gibt es hier viele kleine Läden, in denen man alles kaufen kann, was man so braucht oder auch nicht. Auch hier gibt es Zonen mit den unterschiedlichen Gewerken. In der einen Gasse gibt es Silber- und Goldschmiede, in der nächsten Gasse werden feine Tücher in allen Farben und Mustern angepriesen. Dann kommt die Gasse der Schuhmacher und wenige Meter weiter werden bunte Lampen in allen Größen und Variationen ausgestellt. Auch Gewürze, Obst und andere Lebensmittel gibt es in den Souks zu kaufen. Aber die Verkäufer sind aufdringlicher als im übrigen Land. Hier wird nicht freundlich gehandelt. Hier habe ich das Gefühl, man will mir etwas aufschwatzen. Ich kann auch nicht einschätzen, wie viel Wert die Sachen haben. Es kommen zu viele Touristen in diese Stadt. Schade, ich hatte Marrakesch anders in Erinnerung. Unser Rundgang ist schließlich beendet. Ich habe vergessen, unseren Reiseführer lobend zu erwähnen. Er war sehr aufmerksam. Nicht aufdringlich, aber immer bemüht unsere Wünsche zu erfüllen, manchmal noch bevor wir sie ausgesprochen hatten. Er führt uns an das Ende des Gauklerplatzes, wo Mohammed schon bereit steht. Er empfiehlt uns noch ein Restaurant auf der gegenüber liegenden Seite und Mohammed fragt, wann er uns dort abholen soll. Burkhard schätzt, dass wir eine gute Stunde für das Mittagessen brauchen. Der Reiseführer meint, wir sollten Mohammed etwas mehr Zeit geben. Zunächst verstehen wir nicht, auf was er hinaus will. Dann wird er deutlicher und erklärt uns, dass Mohammed noch sein Freitags-Gebet in der nahegelegenen Moschee verrichten möchte. Natürlich willigen wir ein und schlagen einen späteren Zeitpunkt vor. Warum sagt Mohammed uns das nicht selber. Jetzt sind wir fast zwei Wochen mit ihm unterwegs. Er müsste doch wissen, dass wir ihm das gerne ermöglichen. Aber für ihn stehen unsere Wünsche und Bedürfnisse stets im Vordergrund. Das Restaurant war eine gute Empfehlung. Es ist sehr schön im marokkanischen Stil eingerichtet. Im Inneren ist es angenehm kühl und dunkel. Die Geräusche der Straße hört man nicht. Zwei Musiker spielen leise ein Zupfinstrument. Wir genießen das Ambiente und das gute Essen. Mohammed holt uns zum vereinbarten Zeitpunkt ab und bringt uns zurück ins Hotel. _DSC1025Dort ruhen wir uns ein wenig aus. Am späten Nachmittag besuchen wir den Jardin Majorelle. Dies ist ein kleiner botanischer Garten, der von dem berühmten Modeschöpfer Yves Saint-Laurent gekauft und umgestaltet worden ist. Dort gibt es eine Vielzahl von großen Palmen, Kakteen und Bambusgräsern sowie einen großen Seerosenteich. Die Mauern, das Wasserbecken und diverse Tongefäße für Pflanzen sind alle in leuchtendem Blau angestrichen. Obwohl viele Besucher und sogar eine kleine Hochzeitsgesellschaft dort waren, herrschte eine angenehme beruhigende Atmosphäre an diesem schönen Ort. Nach dem Rundgang durch den Garten fährt Mohammed mit uns zu seiner Wohnung. Das ist für uns eine besondere Ehre. Er wohnt mit seiner Frau und den drei Kindern am Stadtrand von Marrakesch. Ich bin ein wenig aufgeregt. Er wohnt in einem Reihenhaus, in dem drei Familien wohnen. Wir gehen mit ihm zusammen die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Seine Frau begrüßt uns, das kleinste Kind auf dem Arm. Es hatte kurze Haare. Ein zweites Kind – etwas größer und älter – kam aus einem hinteren Zimmer angelaufen. Es hatte auch ganz kurze Haare. Hatte Mohammed nicht erzählt, er habe drei Töchter?! Nun kam auch das älteste Kind hinzu und gab uns die Hand. Jetzt war alles klar. Er hatte drei Jungen. Da hat wohl die Übersetzung nicht so ganz geklappt. Ich sage nichts, aber insgeheim muss ich schmunzeln. Wir ziehen unsere Schuhe aus und folgen ihm ins Wohnzimmer. Der Raum ist vielleicht 20 qm groß und mit vielen weichen Teppichen ausgelegt. Entlang der Wände befinden sich in U-Form Sitzgelegenheiten mit vielen, bunten Kissen. Davor befindet sich ein Tisch, den man sich so zurecht rücken kann, wie man ihn gerade braucht. Ansonsten gibt es ein paar Familienbilder an der Wand und einen großen Fernseher. Hier ist Platz genug für eine große Familie und all die Angehörigen. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Familienfeiern in diesem Raum stattfinden. Mohammeds Frau hat einen Tee für uns vorbereitet. Aber sie bleibt zunächst noch im Hintergrund. Mohammed schenkt uns Tee ein und bietet uns Gebäck an. Die Kinder kommen dazu und sehen uns neugierig an. Wir sind ein wenig gehemmt. Die Umgebung ist fremd für uns. Schließlich gesellt sich Mohammeds Frau doch noch zu uns. Aber sie spricht nur ihre Berbersprache. Eine Verständigung ist nicht möglich. Sie ist klein und zierlich, und sehr zurückhaltend. Und sie trägt ein Kopftuch, wie die meisten Frauen in Marokko. Wir machen keine Fotos. Obwohl Mohammed vorher scherzend gesagt hatte, wir könnten viele Fotos machen. Aber wir haben gar keine Kamera mit hinauf genommen. Ich möchte diesen Moment fühlen und in mein Herz einschließen. Ein Foto könnte diese Gefühle gar nicht zum Ausdruck bringen. Ich will gar nicht die Äußerlichkeiten festhalten, sondern die Freundlichkeit von Mohammed, vielleicht sogar ein wenig Freundschaft von ihm, aufnehmen. Wir haben einen Umschlag dabei mit einer Karte und einem etwas größeren Trinkgeld für die intensive Betreuung während der letzten Tage. Da ich nicht weiß, wie gut er die deutsche Sprache lesen kann, lese ich ihm vor, was wir geschrieben haben und gebe ihm dann den Umschlag. Für uns alle war es ein ganz besonderer Moment. Ich bin dankbar und glücklich, durch ihn die Menschen in Marokko und das Land insgesamt ein wenig besser kennen gelernt zu haben. Auf einer üblichen Pauschalreise hätte ich diese intensiven Eindrücke niemals gewonnen. Nun aber brechen wir zu unserem letzten Highlight auf. Mohammed bringt uns zum Jemaa el Fna, auch bekannt als Platz der Gehenkten. Früher war hier ein sogenannter Gerichtsplatz, auf dem Recht gesprochen wurde. Die Verurteilten wurden sofort hingerichtet und ihre Köpfe zur Schau gestellt. Heute ist es der Platz der Gaukler, der Tänzer, der Musikanten, der Märchenerzähler, der Schlangenbeschwörer und vieles mehr. Vor allem am Abend, wenn die Sonne untergegangen ist, zahlreiche Öllampen die Schausteller beleuchten, aus den Garküchen verführerische Essensdüfte verströmen, die Trommeln der Schlangenbeschwörer wirbeln, dann entfaltet der Platz seine besondere Atmosphäre. Alles ist in Bewegung. Es ist das schlagende Herz von Marrakesch. _DSC1137Rings um den Platz herum gibt es viele Restaurants, die über eine Dachterasse verfügen. Wir suchen uns eins aus und steigen die Treppe hinauf. Von oben hat man einen phantastischen Blick über das bunte Treiben. Auch hier sind die Gerüche und Klänge noch so intensiv, dass ich das Gefühl habe mitten drin zu sein. Nach kurzer Zeit haben wir einen Sitzplatz direkt an der Brüstung ergattert. Burkhard hat sein Stativ mitgenommen und macht Nachtaufnahmen. Es ist ein würdevoller letzter Abend in Marokko. Ich sauge das Fremde und Außergewöhnliche tief in mir auf. Ich möchte es mitnehmen nach Hause. Mich immer wieder daran erinnern, an dieses schöne Land und seine ganz besonderen Gebräuche und Sitten, an seine Gerüche und Farben, an seine würdevollen aber auch liebenswerten Menschen. Wieviel haben die radikalen Islamisten zerstört. Sie sind es schuld, dass bei uns der Islam und seine Anhänger so negativ behaftet ist. Zu Unrecht, wie ich finde. Jedes Volk, jede Religion hat seine Fanatiker. Deshalb darf ich aber nicht ein ganzes Volk oder eine ganze Religion verdammen. Die Sonne ist endgültig untergegangen und wir nehmen wehmütig Abschied. Mohammed wartet schon auf uns und bringt uns zurück ins Hotel. Es wird eine kurze Nacht. Denn wir müssen frühe aufbrechen, um rechtzeitig am Flughafen in Casablanca zu sein. Ein wunderschöner Urlaub ist zu Ende.

Galerie Marrakesch

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