Tafraoute

_DSC0298Zur üblichen Startzeit - gegen 10:00 Uhr - sind wir wieder bereit. Unser heutiges Ziel befindet sich in südlicher Richtung im Anti-Atlas Gebirge. Nach ca. eineinhalb Stunden geht es wieder bergauf. Die Hänge sind bewachsen mit Arganienbäumen und Sukkulenten. Überall gibt es Feigenkakteen und kleinere Arten von Säulenkakteen. Dann sehen wir rechts von uns eine große Kamelherde. Mohammed hält an und ist ganz außer sich vor Freude. Es sind Tuaregs, die auf ihrem Weg nach Hause hier ihre Rast machen. Mohammed geht vor um den Ältesten zu begrüßen. Wir bleiben abwartend noch etwas zurück. Zaghaft nähere ich mich den Kamelen, eigentlich sind es ja Dromedare. Es sind auch einige Jungtiere bei der Herde. Deshalb bin ich vorsichtig. Aber sie scheinen friedlich zu sein. Wer Kamele oder Dromedare nur aus dem Zoo kennt, der kennt sie eigentlich gar nicht. Wie ich am Anfang schon einmal erwähnt hatte, haben Burkhard und ich in 2001 ein Kameltrekking in der Sahara mitgemacht. Da hatte ich eine ganze Woche mein eigenes Kamel. Sie können ganz sanftmütig sein, wenn sie wollen. Ihre Nase ist ganz weich. Und sie haben ganz lange Augenwimpern. Aber sie können auch richtig böse werden. Und dann fletschen sie furchterregend mit den Zähnen und brüllen lautstark. Dann geht man besser in Deckung. Auf dieser Trekkingtour gab es ein Kamel - wir nannten es das Küchenkamel -, das die Grundausrüstung für die Mahlzeiten transportieren musste. Wenn morgens das Beladen los ging, dann musste es immer von drei starken Männern mühsam eingefangen werden. Das Kamel brüllte dabei ohne Ende. Und es dauerte bis zu einer Stunde bis alles auf ihm verpackt war und es sich allmählich beruhigt hatte. Und das jeden Morgen aufs Neue. Aber diese Kamele hier sind friedlich. Sie stehen in Gruppen zusammen und fressen die frischen Triebe an den Arganienbäumen. Mohammed gibt uns ein Zeichen, dass wir näher kommen sollen. Der Älteste hat schon ein kleines Feuer gemacht und eine Teekanne mit Wasser befüllt. Wir geben ihm die Hand und setzen uns zu ihm auf einen der umliegenden Steine. Er ist mit seinen Söhnen und Enkeln unterwegs. Die Tuareg sind eine der wenigen Nomadenvölker, die es noch gibt. Sie haben viele Namen. Wegen ihrer blauen Tücher werden sie oft die blauen Männer genannt. Diese indigogefärbten Tücher dienen als Turban oder Gesichtsschleier vor allem dem Schutz vor Sonne, Sand und Wind. Sie werden aber auch die freien Männer genannt. Denn sie leben unabhängig von jedweder Regierung und ziehen grenzüberschreitend durch die weiten Wüstengebiete der Sahara. Dieses Recht haben sie sich immer wieder erkämpft. Allerdings gibt es auch unter ihnen immer mehr, die das mühsame Leben fürchten und schließlich am Rand der Wüste oder in der Näher größerer Städte sesshaft werden. Auch hier ist wieder die Kombination der Moderne und der Tradition verblüffend. Einerseits haben auch diese Tuaregs ihre Handys, andererseits wird das Teeaufgießen wie zu alten Zeiten praktiziert. Nachdem das Wasser in der Teekanne heiß ist, wickelt der Tuareg einen großen Block Zucker aus einem Baumwolltuch. Mit einem kleinen Stein, der er vom Boden aufhebt, schlägt er ein Stück Zucker für den Tee ab. Zuerst kommt Grüntee in das Wasser, erst anschließend die frische Minze - nicht zu verwechseln mit der bei uns besser bekannten Pfefferminze - und zum Schluss kommt der Zucker hinzu. Der fertige Tee wird in weitem Bogen in die Gläser gefüllt, so dass eine Schaumkrone ensteht. Dieser erste Guss wird noch nicht getrunken, sondern wieder zurück in die Teekanne gegossen. Erst danach werden die Gläser - wieder in weitem Bogen - mit dem Tee aufgefüllt. Das Ganze hat etwas Meditatives. Bevor der Tee fertig ist holt der Tuareg noch eine Blechkanne mit einer weißen Flüssigkeit hervor. Es ist frisch gemolkene Kamelmilch. Er füllt sie in einen breiten Becher und bietet sie mir zum Trinken an. Ich will nicht unhöflich sein und probiere ein wenig davon. Hui, sie schmeckt ziemlich bitter. Ich lasse mir nichts anmerken und bedanke mich freundlich. Insgeheim habe ich aber das Gefühl, die Milch kommt gleich oben und unten wieder raus. Ich muss mich ziemlich beherrschen und versuche ein Lächeln. Zum Glück ist der Tee nun fertig und ich genieße den süßen Geschmack. Mohammed erklärt mir, dass die Bitterstoffe in der Kamelmilch von den Arganienbäumen stammen, von denen sich die Kamele an diesem Platz hier ernähren. Nachdem wir noch ein zweites Glas Tee miteinander getrunken haben verabschieden wir uns. Die Tuaregs haben noch gut zwei Tagesmärsche vor sich bis sie wieder bei ihren Frauen und Kindern sind. Sie waren auf dem Kamelmarkt und haben dort einige ihrer Tiere verkauft. Dafür haben sie dann andere Waren eingekauft, die sie nun nach Hause bringen. Hier kommen sie wieder, meine Gedanken. Was ist besser, Freiheit oder Sicherheit. Die Freiheit ist hier schwer erkämpft und mühsam. Dennoch wirken die Männer ausgeglichen und zufrieden. Bei uns gibt es kaum Sorgen um Nahrung oder andere alltägliche Dinge, und dennoch sind viele unzufrieden und rastlos. Welches Leben ist erstrebenswert? Kann man einen Mittelweg finden? Etwas weniger Sicherheit und Bequemlichkeit, dafür etwas mehr Freiheit und Zufriedenheit. Was sind die wahren Werte in einem Leben. In unserer Leistungsgesellschaft zählen nur Erfolg und materielle Werte. Und wenn man das erreicht hat, dann bleibt eine große Leere. Und diejenigen, die nicht ins Leistungsschema passen, Arbeitslose, Kranke und alte Leute, die bleiben außen vor in diesem Weltbild. Die Fahrt geht weiter durch den Anti-Atlas und gegen 14:00 Uhr erreichen wir Tafraoute. Mohammed hält vor einem kleinen Restaurant, in dem wir einen Imbiss einnehmen. Ich wähle einen marokkanischen Salat. Die Zutaten - frische Gurke, Tomaten, Paprika und rote Zwiebeln werden in ganz kleine Würfel geschnitten und mit Oel, etwas Zitronensaft, Pfeffer, Salz, Kreuzkümmel und viel frischer Petersilie (manchmal auch Koriandergrün) angemacht. Dazu gibt es frisches Weißbrot und Oliven. Immer wieder bin ich erstaunt darüber, wie aromatisch und saftig die Oliven hier schmecken, sowohl die schwarzen als auch die grünen Oliven. Und als Abschluss gibt es natürlich wieder frischen Minzetee. Tafraoute liegt in einem Talkessel auf ca. 1000 Meter Höhe in einer bizarren Landschaft aus roten Granitfelsen. Unser Hotel Les Amandiers  liegt auf einer Anhöhe direkt oberhalb der Stadt. Vom Balkon aus können wir das ganze Stadtzentrum überblicken. Wir machen zunächst eine Mittagsrast. Am späten Nachmittag holt Mohammed uns ab zu einem Ausflug in die Felsenlandschaft. Unweit von hier gibt es an der Straße südlich von Agard-Oudad Felsbemalungen des Belgiers Jean Verame, der 1984 bis zu 30 m hohe Felsen in blau, violett, rot und schwarz  bemalte.  Die Farben sollen bereits ziemlich verblasst gewesen sein, sind aber vor einigen Jahren zum Teil aufgefrischt worden. Das Auto lassen wir zu Beginn der bunten Felsbrocken stehen. Mohammed bleibt zurück und wir durchstreifen ein wenig diese surreale Landschaft. Auch ohne die Bemalungen wäre die Gegend beeindruckend. Im späten Sonnenlicht leuchten die Felsen in einem kräftigen Rotton. Durch Wind und Regen sind sie rund geschliffen und haben die unterschiedlichsten Formen. Und einige sind eben bunt bemalt, und heben sich dadurch noch mehr von der übrigen Landschaft ab. Wir haben uns schon ein gutes Stück vom Auto entfernt und blicken nun von einer Anhöhe zurück. Jetzt erst hat man den richtigen Größenvergleich. Wir sind ganz alleine und ich genieße die Stille. Wir haben Zeit, und wir erkunden in Ruhe die seltsamen Formationen. Ein Felsen hat im unteren Bereich durch die Witterung die Form eines spitzen Gesichtes bekommen, was nun durch eine Zeichnung von Augen, Nase und Mund noch betont wird. Es sieht ganz lustig aus - ein Felsengeist. Man kann nun darüber streiten, ob das die Landschaft verschandelt. Aber die Umgebung ist und bleibt so phantastisch, dass dies der Schönheit nicht wirklich schadet. Und irgenwann kehrt die Natur zu ihrer Ursprünglichkeit zurück, dann ist die Farbe verwittert und der Eingriff der Menschen ist vergessen. Leider ist das nicht überall so, dass das Werk der Menschen ungeschehen gemacht werden kann. Oftmals bleiben auf ewig oder zumindest für Jahrhunderte oder gar Jahrtausende Schäden zurück, weil das Streben nach mehr Wachstum kein Ende haben will. Was passiert mit all dem radioaktiven Müll, den wir produziert haben und immer noch produzieren. Wo bleibt unsere Verantwortung für die Nachwelt. Mit langsamen Schritten kehren wir um und bald schon hören wir Mohammed, wie er fröhlich wie ein Kind einige Hunde, die sich ganz oben auf einem Felsüberhang befinden, vertreiben will. Er bellt wie ein Hund und rennt immer ein Stück den Fels bergan. Aber die Hunde lassen sich nicht vertreiben, sie bellen nur lautstark zurück. Er erzählt uns, dass die wilden Hunde sich hier gegen Sonnenuntergang versammeln und man sich vor ihnen in Acht nehmen müsse. Sie sind schon manches Mal zum Problem für Camper geworden, die in dieser schönen Landschaft ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Zum Glück sind sie aber noch weit entfernt von uns und voller Frohsinn fange auch ich lauthals an zu bellen. Wir albern und lachen wie die Kinder. Das Leben ist schön. Wir kehren zurück nach Tafraoute und parken im kleinen Stadtzentrum. Die Geschäfte haben noch auf. Wir wollen uns Schuhe kaufen. Burkhard hatte vor ein paar Tagen die einfachen Schuhe von Mohammed aus hellem Naturleder bewundert. Er hat sie hier gekauft und führt uns zu dem kleinen Laden. Der Inhaber freut sich über unseren Besuch, und natürlich kennen Mohammed und er sich, was man unschwer an der herzlichen Begrüßung feststellen kann. Er hat überwiegend traditionelle Schuhe, die Babuschen, aus Ziegen-, Schafs- und Kamelleder. Für die Damen gibt es schwarze und rote, für die Herren auch helle naturfarbene. Ich kaufe mir ein paar rote, spitz zulaufende und nach hinten offene Babuschen. Sie sind sehr bequem und sollen mir zuhause als Hausschuhe dienen. Burkhard nimmt ein paar geschlossene beigefarbene Schuhe. Sie sind vorne rund und haben hinten eine lange Zunge, die man auch nach innen einschlagen kann, so dass sie dann offen zu tragen sind. Das ist eine praktische Idee. Ich lese später, dass dies die Babouches berberes sind, speziell gemacht für die Bergregionen und Wüsten. Die offenen Babouches royales sind hingegen für Stadtbewohner gedacht. Der Geschäftsinhaber schließt hinter uns den Laden zu. Er geht jetzt zur Moschee, sein Abendgebet verrichten. Wahrscheinlich dankt er dabei für das gute Geschäft mit uns. Bevor wir zurück fahren ins Hotel gehen wir zusammen noch einen Tee trinken. Mohammed ist heute sehr entspannt und ich frage ihn ein wenig nach seiner Familie und dem Leben in Marokko. Bereitwillig erzählt er, dass er Frau und drei Kinder hat - alles Mädchen -, und sie wegen seiner Arbeit in Marrakesch wohnen. Er ist Berber und stammt aus Merzouga, wo heute noch seine Mutter und ein Bruder wohnen. Der Vater ist schon früh verstorben. Er hat keine feste Anstellung.Wenn er Glück hat, dann bekommt er von seiner Agentur eine Anschlussauftrag. Oftmals erfährt er das erst einen Abend vorher. In Marokko beginnen nun die heißen Sommermonate, da kommen weniger Touristen und dann ist er manchmal mehrere Wochen ohne Arbeit. Er fährt dann mit Frau und Kindern zu seiner Mutter. Ein Rentensystem wie in Deutschland gibt es nur für wenige. Die Familie hilft sich untereinander. Er hat noch einen Bruder, der mit Frau in Spanien wohnt und dort arbeitet. Ein anderer Bruder ist arbeitslos, er lebt bei der Mutter und hilft ihr dort. Mohammed und sein „spanischer“ Bruder unterstützen die beiden finanziell. Das ist selbstverständlich. Dann erzählt er uns noch, wie er seine Frau kennen gelernt hat. Sie stammt aus einem Nachbardorf von Merzouga. Seine Mutter hat sie ihm empfohlen, und das sei gut gewesen. Ein Leben ohne Familie ist hier in Marokko nicht denkbar. Natürlich gibt es auch Probleme und Streitereien, am Ende hilft man sich gegenseitig und jeder kann sich auf den anderen verlassen. Und wieder schweifen meine Gedanken ab in unsere westliche Welt. Wir haben den Staat, der für uns da ist, wenn wir alt und krank sind. Dafür zahlen wir als Gemeinschaft ein. Wir haben keinen Grund mehr an der Familie festzuhalten, und tun es auch immer seltener. Ich nehme mich davon nicht aus. Aber wie viele alte, kranke Menschen sitzen die letzten Jahre ihres Lebens alleine in ihren vier Wänden oder in einem Pflegeheim. Kaum jemand kommt sie besuchen, das Pflegepersonal hat keine Zeit für Gespräche. Alt und weggesperrt. Das ist möglicherweise unsere Zukunft. Also, was ist nun besser? In guten Zeiten ein wenig streiten und etwas weniger Individualität, dafür aber am Lebensende Rückhalt in einer Familie und vielleicht Geborgenheit. Ich weiß es nicht. Es ist, wie es ist. Es war ein schönes Gespräch mit Mohammed und er selber macht den Vorschlag heute Abend im Hotel beim Abendessen gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Das ist ein kleiner Schritt in Richtung Freundschaft. Denn bisher hat er das nicht zugelassen. Nachdem wir ihm gleich am ersten Tag das Mittagessen bezahlt hatten, was für uns eine Selbstverständlichkeit war, ist er uns bei den Mahlzeiten immer ein wenig aus dem Weg gegangen. Er wollte nicht, dass wir für ihn bezahlen. Seine Arbeit wird schließlich entlohnt und mehr erwartet er nicht, ist ihm sogar unangenehm. Nur ganz selten gelang es uns, ihm einen Kaffee oder ein Bier zu spendieren. Wir freuen uns auf heute Abend und nach dem gemeinsamen Abendessen sitzen wir noch lange mit einem kühlen Bier in der Hotelbar.

Galerie Tuareg und Tafraoute

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