Besuch in einem Fetischhaus

Gegen halb zehn Uhr morgens verlassen wir unsere Unterkunft am Lake Bosumtwi. Die Fahrt führt uns zurück nach Accra, wo der zweite Teil unserer Rundreise beginnen wird. Aber zunächst besuchen wir in Ejisu-Besease ein traditionelles Fetischhaus. Obwohl rund 70 Prozent der Bevölkerung in Ghana einer der christlichen Kirchen angehört und rund 18 Prozent der vorwiegend im Norden lebenden Ghanaer dem Islam angehören, haben viele von ihnen dennoch ihren afrikanischen Glauben beibehalten. Man ist in Ghana tolerant gegenüber allen Glaubensrichtungen. Jeder glaubt an das, was er für richtig hält. Und dabei können durchaus verschiedene Glaubensrichtungen parallel eine Rolle spielen. Davon zeugen insbesondere in der Ashanti-Region noch mehrere gut erhaltene Fetischschreine. Der Fetischschrein in Besease befindet sich in einem Haus am Ortsausgang von Ejisu. Die Straße dorthin zweigt direkt von der Autobahn N 6 Richtung Accra ab. Das Fetischhaus ist gleichzeitig ein kleines Museum, dessen Renovierung mit UNESCO Fördergeldern unterstützt worden ist. Gabriel, unser Reiseleiter, fragt im Dorf nach dem Fetisch-Priester und kurze Zeit später kommt ein ausgezehrter, alter Mann, tief auf seinen Stock gebeugt, mit langsamen Schritten herbei und schließt das Haus auf. Nachdem wir einen geringen Eintrittspreis entrichtet haben, sehen wir uns im Haus ein wenig um. Von einem Innenhof aus, führen jeweils zwei Treppenstufen zu vier unterschiedlichen Räumen. Drei der Räume sind zum Hof hin offen. Während der Zeremonien wird einer dieser Räume von den Trommlern genutzt, der Raum gegenüber von den Sängern und im dritten offenen Raum werden Speisen zubereitet, die den Göttern dargeboten werden. Der vierte Raum, der den Schrein beherbergt, ist hingegen verschlossen. Er darf nur vom Fetischpriester und seinen Begleitern betreten werden. Rechts von diesem Raum befindet sich im Hof der Altar, wo die Opfergaben abgelegt werden. Der Priester, 89 Jahre soll er alt sein, erklärt uns, dass beispielsweise Paare, die keine Kinder bekommen, als Opfergabe „Schnapps“ und Halswirbelknochen einer Ziege darbringen. Für das Wohlergehen der Kinder werden Bananen gespendet. Er erzählt weiter, dass er bei den Zeremonien einen besonderen Haarschmuck trägt, und der Gott oder Geist dann durch ihn spricht. Ich versuche, mir eine solche Zeremonie vorzustellen. Es gelingt mir nur schwer. Man müsste es schon hautnah miterleben dürfen. Nur dann könnte man die Magie einer solchen Veranstaltung erfassen, wenn überhaupt. In unserer westlichen Welt ist kein Platz für solchen Mystik. Allerdings weiß ich nicht wirklich, ob ich das bedauern soll oder ob es nicht gut ist, dass solche Riten eben nicht unseren Alltag prägen. Denn, wie ich bereits im ersten Blogbeitrag kurz geschildert habe, ist dieser „Hexenwahn“ und „Ahnenkult“ auch daran schuld, dass die westafrikanischen Länder sich wirtschaftlich kaum weiterentwickeln. In diesem Zusammenhang verweise ich gerne nochmals auf die sehr interessante Studie von David Signer „Die Ökonomie der Hexerei“. Gabriel bittet uns abschließend um eine Geldspende für den Fetisch-Priester. Er sei sehr krank und habe kaum zu essen. Es ist das erste Mal, dass Gabriel ein solches Ansinnen vorträgt. Deshalb glaube ich ihm und gebe dem alten Mann 10 Cedi (etwa 2,50 Euro). Für mich ist das nur ein kleiner Betrag, aber für den alten Mann bedeutet er für viele Tage Essen und Trinken. Wir verlassen das Haus und werden Zeuge einer anderen alten Tradition, die man eher aus New Orleans kennt. Das Original aber stammt aus West-Afrika. Es ist Samstag und wir sehen in der Ferne einen Trauerzug durch das Dorf ziehen. Mit viel Musik und in farbenfrohen Gewändern wird die Beerdigung hier zum kulturellen Höhepunkt. Wie wir später noch erfahren, verschulden sich viele Familien, um die Angehörigen standesgemäß zu bestatten. In manchen Fällen bleiben die Toten monatelang in einem Kühlhaus, bis das Geld für die Trauerfeier ausreicht. Nach diesem interessanten Einblick in die Kultur Ghanas setzen wir unsere Fahrt auf der N 6 nach Accra fort. Es liegen rund 230 Kilometer vor uns. Wir wir nun wissen, kann auch die Fahrt auf einer Autobahn sehr anstrengend sein, da man diese nicht mit europäischem Standard vergleichen kann.
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