Unterwegs auf Ghana’s Straßen (Teil 1)

In der ersten Woche sind wir mit dem VW-Bus vom Kasapa Centre unterwegs. Burkhard sitzt vorne, neben unserem Fahrer Bismarck. Ich selber nehme den Platz hinter Bismarck. Die ganze Sitzbank steht mir zur Verfügung, so dass ich Handtasche, Kamera und Rucksack immer in Griffweite neben mir liegen habe. Unserem Reiseleiter Gabriel bleibt die Rückbank, von wo aus er den besten Überblick hat. Der Fahrer sitzt übrigens wie bei uns auf der linken Seite des Fahrzeugs. Das überrascht zunächst, war Ghana doch eine britische Kolonie, in der Linksverkehr herrschte. Die angrenzenden Länder standen alle unter französischer Herrschaft, so dass dort Rechtsverkehr üblich war und ist. Um den grenzüberschreitenden Verkehr zu vereinfachen, hat Ghana nach der Unabhängigkeit auf Rechtsverkehr umgestellt.

Fahrbahn oder Schweizer Käse

Die Fahrt in die Ashanti-Region und nach Kumasi zeigt sich abenteuerlich. Die Fahrbahn ähnelt auf weiten Strecken einem Schweizer Käse. Sie ist übersät mit großen, tiefen Löchern, denen Bismarck immer wieder ausweichen muss. Auch darf man seinem Vordermann nicht zu dicht auffahren. Denn wenn dieser plötzlich ausschert, fährt man selber ins Verderben. Auch beim Gegenverkehr muss man ständig damit rechnen, dass das entgegenkommende Fahrzeug unfreiwillig seine Fahrbahn verlässt, um einem der Schlaglöcher auszuweichen. Ein gutes Reaktionsvermögen ist fürs Überleben absolut notwendig. Da der frisch gewählte Präsident ein „Ashanti“ ist besteht die Hoffnung, dass dieser nun Geld für die Infrastruktur in seiner Heimat bereitstellt und sich der Straßenzustand bald ändern wird.

Gekochte Eier mit Sauce

In den Ballungsgebieten rund um Accra und Kumasi kommt man nur langsam voran. Dennoch ist die Fahrt kurzweilig. Denn überall sorgt man sich um das leibliche Wohl der Autofahrer. Zahlreiche Frauen, manchmal auch Männer, bieten die unterschiedlichsten Waren an. Sie transportieren Lebensmittel und andere Gebrauchsgegenstände in großen, runden Blechschüsseln, die sie gekonnt auf dem Kopf balancieren. Die Händler bewegen sich geschickt zwischen den Fahrzeugen und kommen bis ans Auto heran, um ihre Waren zu präsentieren. Bei Bedarf wird direkt durch das geöffnete Fenster verkauft. Nur in Accra erleben wir, dass Händler zuweilen aufdringlich werden. Doch wenn Burkhard darauf hin seine Kamera ans Auge hält, weichen sie zumeist erschrocken zurück. Als wir auf unserer Fahrt nach Kumasi im Stau stehen kauft Gabriel, unser Reiseleiter, getrocknete Bananenchips. Zur Auswahl stehen kleine, süße oder etwas größere, längliche, leicht salzige Chips. Eine andere Händlerin bietet gekochte Eier an. Sie pellt das Ei, füllt einen kleinen Plastikbeutel mit einer Zwiebel-Chili-Sauce und legt das Ei dort hinein. Für mich „white lady“ gibt es etwas weniger von der scharfen Sauce! Beliebt sind auch frittierte Yams. Diese Wurzel ähnelt den Süßkartoffeln und ist eine sättigende Zwischenmahlzeit. Neben den üblichen Plastikflaschen mit Mineralwasser gibt es für wenig Geld auch 500 ml Plastikbeutel zu kaufen, in denen gefiltertes Trinkwasser steril verpackt ist. Nur etwa die Hälfte der Ghanaer hat Zugang zu einem Wasseranschluss. Aus diesem Grunde hat die Regierung in Ghana vor einigen Jahren eine Initiative gestartet, dass preiswertes Wasser in Plastikbeuteln verkauft wird und nicht wie bisher in offenen Bechern oder Karaffen. Was aus hygienischer Sicht zu befürworten ist, hat leider für die Umwelt weniger erfreuliche Auswirkungen. Denn die Berge an Plastikmüll werden damit noch höher.

Teurer Sprit

An Tankstellen mangelt es unterwegs nicht. Dabei fällt auf, dass die Preise kaum voneinander abweichen. Für einen Liter Diesel zahlt man rund 4 Cedi, das entspricht in Euro rund 90 Cent. Bei den hiesigen Einkommensverhältnissen erscheint uns das ausgesprochen teuer. Kein Wunder also, dass die Busse und Tro-tros bis zum Ersticken mit Menschen vollgestopft werden, bevor sie überhaupt losfahren.

Bus, Tro-tro oder Taxi?

Zwischen den größeren Städten verkehren mehr oder weniger regelmäßig Überlandbusse. Wer aber preiswert durch Ghana reisen möchte, der nimmt das „Tro-tro“. Das ist ein Kleinbus, der erst dann abfährt, wenn alle Plätze belegt sind. Hier bekommt man die beste Gelegenheit den Einheimischen sehr nahe zu kommen, manchmal auch zu nahe. Für kürzere Entfernungen nimmt man deshalb besser ein Taxi. Allen Fahrzeugen gemeinsam ist, dass sie aus unserer Sicht nicht sehr verkehrstauglich erscheinen. Die Fahrt auf Ghana’s Straßen verläuft für uns Europäer stets abenteuerlich.

Gebrochene Motoraufhängung - kein Problem in Ghana

Wir sind glücklich unterwegs mit unserem VW-Bus und haben in unseren Fahrer Bismarck vollstes Vertrauen. In Kumasi mitten auf einer viel befahrenen Straße in der Innenstadt streikt plötzlich das Fahrzeug. Der Motor stirbt ab und lässt sich trotz guten Zuredens nicht mehr starten. Bismarck steigt aus und öffnet die Motorhaube. Gemeinsam mit Gabriel begutachten beide mit fachmännischem Blick das Innere des Fahrzeuges. Schließlich steht fest: die Motoraufhängung ist gebrochen. Das ist ein Fall für die Werkstatt. In Ghana ist das nichts Ungewöhnliches. Viele Fahrzeuge sind nach europäischem Standard gar nicht verkehrstauglich. Mit großem Geschick werden sie solange repariert bis sie sprichwörtlich auseinanderfallen. Die Autowerkstätten sind hierauf vorbereitet und haben ihre Spezialisten für solche Probleme!

Schrottplatz Europas

Viele Autos kommen aus Deutschland, wie alte Aufschriften und Aufkleber verraten. Später erfahren wir, dass die Regierung in Ghana inzwischen die Einfuhrzölle danach bemisst wie alt ein Gebrauchtwagen ist. Je älter, desto höher fällt die Steuer aus. Damit will man dem Handel mit Schrottautos entgegensteuern. Das erscheint uns auch notwendig, denn manches Mal beschleicht uns der Gedanke, wir befänden uns auf einem riesigen Schrottplatz. Dieser Eindruck verstärkt sich, als wir wegen der Autopanne für die Rückfahrt zu unserer Unterkunft am nahegelegenen Lake Bosumtwi ein Taxi nehmen müssen.In diesem Pkw liegt ein Teil der Elektrik frei. Die blanken Kabel streben in alle Richtungen. Der Tacho zeigt nichts mehr an. Die Sitze sind total verschlissen. Das Fenster hinten rechts kann man weder ganz öffnen, noch vollständig schließen. Der Hebel fehlt. Die Ghanaer nehmen dies alles gelassen hin. Vielleicht hängt das mit den vielen religiösen Bekenntnissen zusammen, die auf den Fahrzeugen angebracht sind. Der Glaube an Gott soll die Gefahr eines Unfalles kompensieren. Ich jedenfalls bin froh, dass wir mit diesem maroden Fahrzeug und trotz der katastrophalen Straßenzustände heil an unserem Ziel ankommen.

Rückspiegel oder Musik-Video

Am nächsten Tag fährt uns ein anderes Taxi wieder zurück nach Kumasi. Im Gegensatz zum Vortag ist dieses Fahrzeug relativ neu und sehr gepflegt. Und es verfügt über einen ganz besonderen Service. An dem Rückspiegel ist ein Smartphone befestigt. Der Taxifahrer kann sich die Wartezeit mit einem Musikvideo verkürzen. Als wir einsteigen, dreht er den Spiegel samt Smartphone in Richtung Beifahrer. Wozu braucht der Fahrer einen Rückspiegel? Hauptsache der Fahrgast wird gut unterhalten! Bismarck, unser Fahrer, hatte in Kumasi im Bus übernachtet. Mittags treffen wir ihn wieder. Der Schaden ist behoben und wir können die Fahrt wie gewohnt in unserem VW-Bus fortsetzen.
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